Autor

Themen Schlagworte
11.07.20113 Kommentare

Orientierung im Reich der Androiden

Orientierung_Reich_Android_AB

Bei Projekten, die eine App für das iPhone entwickeln, tauchen hinsichtlich des Gerätes, auf dem die App laufen soll, wenig Fragen auf: auf dem iPhone, natürlich. Es gibt nur wenige Versionen und die hat Apple vollständig unter Kontrolle.

Nun liest man immer häufiger, dass Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android auf dem Vormarsch seien. Am 10. Mai 2011 gab Google bekannt, dass weltweit gegenwärtig etwa 400.000 Geräte pro Tag aktiviert würden. Damit wird es zunehmend interessant, Apps nicht mehr nur für das iPhone, sondern gleichzeitig auch für Android-Phones anzubieten.

Android Geräte-Zoo

Aber gibt es eigentlich – als Äquivalent zu dem iPhone – auch das Google-Phone bzw. das Android-Phone? Das gibt es natürlich nicht, denn Google selbst entwickelt zwar das Betriebssystem, ist aber im Gegensatz zu Apple beim iPhone nicht der einzige Hersteller von Endgeräten. Im Gegenteil: Inzwischen hat fast jeder größere Computer-Hersteller gleich mehrere Android-Geräte im Angebot, um verschiedene Zielgruppen und Geldbeutelgrößen zu adressieren. Da gibt es zum Beispiel jeweils mehrere Versionen des Samsung Galaxy, des Sony Ericsson Xperia und des X10, des LG Optimus, des Motorola Milestone und des Google Nexus. Von HTC gibt es Geräte mit wohlklingenden Namen wie Desire, Dream, Legend, Wildfire, Sensation, Magic und Incredible – teilweise ebenfalls in mehreren Varianten. Die Liste ist schier endlos. Die Wikipedia-Seite zum Thema Android listet gegenwärtig fast 90 Telefone auf, Tendenz steigend. Fast wöchentlich erscheinen weitere Ankündigungen.

Fragmentierung

Für den Endkunden ist das ein Segen – oder vielleicht auch die Qual der Wahl. Bei der Entwicklung von Apps für Android-Phones kommt dadurch eine Dimension ins Spiel, die in Anlehnung an das Lateinische Fragmentierung genannt wird. Denn die Geräte haben nicht nur unterschiedliche Display-Größen und Auflösungen, auch das Android-Betriebssystem läuft auf den unterschiedlichen Geräten in verschiedenen Versionen. Das bedeutet, dass nicht nur Grafiken in mehreren Auflösungen produziert und in die App integriert werden müssen, sondern je nach Anwendungsfall müssen auch Fallback-Lösungen für Funktionen gebaut werden, die auf älteren Geräten noch nicht zur Verfügung standen. Auch der Satz an vorhandenen Sensoren ist bei den Geräten unterschiedlich. Die größeren Hersteller versehen die Telefone außerdem mit ihrer eigenen Bedienoberfläche (Sense bei HTC, MotoBlur bei Motorola, Touchwiz bei Samsung, TimeScape und MediaScape bei Sony Ericsson), was dazu führt, dass die App in unterschiedlichen grafischen Kontexten läuft und eventuell sogar anders aussieht. Das alles – und noch mehr – ist bei der Konzeption, der Entwicklung und beim Testen zu berücksichtigen. Die App muss für mehrere Display-Varianten und Android-Versionen gebaut und möglichst auf allen Zielgeräten getestet werden, um böse Überraschungen beim Endkunden zu vermeiden. Schlimmstenfalls finden sich sonst später im Marketplace negative Äußerungen à la „geht bei mir nicht – LG Optimus“.

Gerätelisten

Damit stellt sich am Beginn jedes Projektes die Frage, welche Endgeräte unterstützt werden sollen. Hier hätte man nun gern eine Statistik aller Geräte mit allen Eigenschaften und ihrem jeweils aktuellen Marktanteil. So etwas gibt es aber leider (noch) nicht (da liegt eine Goldgrube für einen zukünftigen Dienstleister). Deshalb muss man sich mit den (dürftigen) Informationen behelfen, die gegenwärtig verfügbar sind.

Bei Google selbst gibt es ein Device Dashboard, das monatlich aktualisiert wird. Dort gibt es eine Darstellung der aktuellen weltweiten Verteilung von Displaygrößen und Auflösungen und eine Übersicht über die aktuelle weltweite Verteilung der verschiedenen Versionen des Android-Betriebssystems. Das gibt wertvolle Anhaltspunkte für Designer und Entwickler. Aber die Frage, welche Android-Geräte derzeit in Deutschland am meisten verbreitet sind, beantwortet es nicht. Ob Google in Zukunft hier weitere Statistiken integrieren wird, steht in den Sternen.

Bei Google gibt es außerdem eine komplette Übersicht aller Android-Geräte mit zahlreichen technischen Daten (aber leider ohne Angaben zur Verbreitung). Eine – nicht auf Android beschränkte – Geräte-Übersicht in maschinenlesbarer Form bietet das WURFL-Projekt – einschließlich einer Online-Gerätesuche. Ähnliches bietet die PDADB. Dort gibt es zusätzlich zu den Spezifikationen der Telefone zum Beispiel eine Übersicht über sämtliche mobile Betriebssysteme und eine chronologische Liste der Releasedaten aller Geräte. Eine Antwort auf die Frage, welche Geräte aktuell in Deutschland am meisten verbreitet sind, findet man hier aber ebenfalls nicht.

Statistiken

Nützlicher sind dafür die anhand der mobilen Webnutzung erhobenen Statistiken von Sevenval (monatlich aktuell für die eigene Website) und die von netbiscuits mit einer Übersicht über die weltweiten Top 10 der Geräte und Hersteller, Übersichten über den Traffic aller Geräte, speziellen Übersichten für Deutschland, einer Übersicht des Marktes ohne das iPhone, die in Hinblick auf  Android-Geräte sehr aufschlussreich ist  (nur im Bericht von 2010), und einer länderbezogenen Übersicht über die HTML 5-Unterstützung auf den Top-Geräten, in der mehrere Samsung-, Motorola- und HTC-Geräte auftauchen.

Im Oktober 2010 veröffentlichte der Twitter-Client-Hersteller TweetDeck in seinem Blog mehrere Statistiken, die anhand der Geräte erstellt worden waren, die die Benutzer des Clients verwenden. Dort werden mehr als 250 verschiedene Android-Geräte aufgeführt. Das ist allerdings darauf zurückzuführen, dass viele Anwender, die ihr Smartphone „gerootet“ haben (also die vorgegebene Firmware durch eine andere ersetzt, um Superuser-Rechte zu bekommen) dabei auch gleich den Typ des Gerätes nach ihrem Geschmack geändert haben – in ToninoLamborghini-Evoluzione zum Beispiel oder Full Android on Passion. Es verwundert daher auch nicht, dass dort mehr als 100 Varianten des Android-Betriebssystems auftauchen. In der dortigen Statistik hatten das HTC Desire, das Motorola Milestone (Droid) und das Nexus One die Nase vorn, dicht gefolgt vom HTC PC36100, dem Motorola DROID X und dem Samsung Galaxy.

Eine Statistik von mobilemetrics.com vom Mai 2011 gibt für Deutschland folgende Verteilung der führenden Hardwarehersteller und Anzahl Endgeräte mit Android an: HTC 26%, Samsung 22%, Motorola 18%. Und wenn man selbst eine App im Market hat, bekommt man natürlich auch aktuelle Statistiken darüber, auf welchen Geräten die App installiert wurde. Das sieht dann z.B. im Mai 2011 für eine beispielhafte deutsche App so aus: Samsung Galaxy S: 9,0%; Motorola Droid X: 8,1%; HTC Desire: 5,6 %; HTC Desire HD 5,1%; HTC Evo 4G: 5,1%; HTC Wildfire: 4,3%; Samsung Galaxy Tab: 4,3%; HTC Droid Incredible: 3,8 %; Motorola Droid: 3,5%, Motorola CLIQ: 1,9%; andere: 49,3%. Man sieht, dass HTC, Samsung und Motorola aktuell die Nase vorn haben. Das Samsung Galaxy scheint gegenüber den Statistiken vom Oktober 2010 alle anderen Geräte überholt zu haben. Die andere Hälfte des Marktes ist allerdings in Segmente kleiner als 1,9% aufgesplittet, die innerhalb von Monaten stark wachsen können und für die man noch immer keine gesicherten Aussagen treffen kann – selbst wenn die App auf jedem der in der Liste namentlich genannten zehn Geräte getestet wurde.

Fazit

Für die erfolgreiche Entwicklung einer Android-App ist es wichtig, bereits bei Projektstart herauszufinden und festzulegen, welche Endgeräte unterstützt werden sollen und auf welchen die App getestet werden soll. Das hat maßgeblichen Einfluss auf die Konzeption, den Projektumfang und den Projekterfolg. Dabei müssen jeweils möglichst aktuelle Statistiken zu Rate gezogen werden, da sich die Verhältnisse bei mehr als 400.000 registrierten Telefonen pro Tag recht schnell ändern können. Wenn Sie eine weitere hilfreiche Statistik kennen, sind wir für einen Hinweis in den Kommentaren dankbar.

Reden Sie mit!

Wir freuen uns über eine rege Diskussion über die angesprochenen Themen. Damit alle Beteiligten davon profitieren können, beachten Sie bitte unsere Richtlinien für Kommentare.
(Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.)

Was andere sagen

Jan Jursa am 15.07.2011

>400.000 Geräte pro Tag
Das ist wirklich eine beeindruckende Zahl. Es ist ja so schon aufwendig einen vernünftigen und aktuellen Gerätepark in der Agentur zu haben um gut testen zu können. Wie wird das erst, wenn sich Android im Automotive Bereich weiter verbreitet?

Nein Chef, ich habe mir den Porsche nicht zu meinem Privatvergnügen auf Firmenkosten ausgeliehen. Ich wollte nur eine App testen! ;)

Gisbert Amm am 18.07.2011

Neue Zahlen von Google (Stand 18.07.2011): Mittlerweile sind 135 Millionen Geräte weltweit im Umlauf. Pro Tag werden 550.000 neue Android-Geräte aktiviert (http://www.pcmag.com/article2/0,2817,2388541,00.asp).

Gisbert Amm am 17.08.2011

Heise: Spiele von iOS zu Android portieren ist Herausforderung

Grundsätzlich sei die Portierung eines Programms von iOS auf Android eine Herausforderung. Denn im Unterschied zum homogenen iOS-Biotop ist die Welt der Android-Geräte stark fragmentiert. Die vielen Geräte unterschieden sich in Hinblick auf ihre Display-Auflösungen, der Rechenkraft ihrer GPUs und CPUs, der Unterstützung verschiedener Texturkompressionsformate, der Ansteuerung ihrer Beschleunigungssenoren und gar bezüglich der Multitouch-Funktionalität. (http://www.heise.de/newsticker/meldung/GDC-Spiele-von-iOS-zu-Android-portieren-1324129.html)